Die Werkgruppe „Schablonen“ von Thomas Baumgärtel bildet das technische und konzeptuelle Fundament seines gesamten künstlerischen Schaffens seit 1986.
Bereits in der Schulzeit eignete sich Baumgärtel das Prinzip des Schablonierens an – zunächst spielerisch mit Wasserfarbe und Zahnbürste. Eine entscheidende künstlerische Prägung erfolgte 1984 in Paris durch die Begegnung mit den Arbeiten des französischen Street-Art-Pioniers Blek le Rat, der das Stencil als autonomes künstlerisches Medium im urbanen Raum etablierte.
Zu Beginn seines Studiums in Köln schnitt Baumgärtel 1986 seine erste Bananenschablone. Das Material war ebenso provisorisch wie programmatisch: ein Kunststoff-Deckblatt eines Kalenders, geschnitten im Keller des Elternhauses. Bereits im Dezember desselben Jahres sprühte er mit dieser Urschablone die ersten Bananen an Kölner Galerien.
Der historische Kontext ist zentral für das Verständnis der Werkgruppe:
Mitte der 1980er Jahre entwickelte sich Köln zur führenden Kunstmetropole Deutschlands. Galerien entstanden in großer Zahl, die Szene war dynamisch, international vernetzt und stark von institutionellen Mechanismen geprägt. Baumgärtels Banane fungierte in diesem Umfeld als subversives Qualitätssiegel – ironisch, kritisch und zugleich affirmativ. Die Schablone wurde damit zum Instrument der künstlerischen Kommentierung des Kunstbetriebs.
Die erste Urschablone besitzt heute kunsthistorischen Rang und wurde bereits im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ausgestellt – ein Hinweis auf ihre Bedeutung weit über die Street Art hinaus.
Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte Baumgärtel ein umfangreiches Schablonenarchiv. Er schnitt tausende Schablonen für unterschiedlichste Motive: Bananen in Variationen, Texte, Symbole, Tiere, politische Zeichen. Für ihn ist jede Schablone ein eigenständiges Arbeitswerkzeug. Entsprechend bewahrt er sie systematisch in Grafikschränken und speziell angefertigten Schablonenwagen auf.
Nur selten gibt er Schablonen ab – meist erst dann, wenn sie technisch verschlissen oder nicht mehr einsetzbar sind. In diesen Fällen werden sie selbst zu autonomen Kunstobjekten, die den Entstehungsprozess, Gebrauchsspuren und die Geschichte ihres Einsatzes sichtbar tragen.
Die Werkgruppe „Schablonen“ dokumentiert damit nicht nur eine Technik, sondern eine kontinuierliche künstlerische Haltung seit 1986: zwischen Street Art und Institution, zwischen Intervention und Archiv, zwischen flüchtigem Sprayakt und dauerhaftem kunsthistorischem Zeichen.