Seit 1991 entwickelt Thomas Baumgärtel seine ikonische Spraybanane zu einem vielschichtigen Bildalphabet aus mittlerweile 250 Motiven. In den 50 × 40 cm großen Leinwänden verwandelt sich die Banane in Zeichen, Figuren, Künstlerzitate und Zeitkommentare – von Kunstgeschichte über Politik bis Popkultur. Die Serie folgt dem Prinzip der fortwährenden Wandlung und wächst jährlich weiter. Die Banane wird zur universellen Signatur einer offenen Enzyklopädie der Transformation. Diese Schablonengraffitis (Pochoirs oder Stencils) sind wie eine Art zeichenhaftes Tagebuch des Künstlers. Themen, mit denen sich Baumgärtel jeweils auseinandergesetzt hat, sind als Schablone umgesetzt worden. Teilweise hat er diese Schablonen auch im öffentlichen Raum eingesetzt, z.B. die Originalbanane, die Äskulapbanane, die Paragraphenbanane, die Sprengbanane, die BSE-Banane, die Atombanane und die Friedensbanane. Seit ein paar Jahren bildet sich innerhalb der Werkgruppe eine Untergruppe heraus mit Metamorphosen zu den großen Künstlern der Menschheit, wie z.B. die Mirobanane, die Lichtensteinbanane, die Warholbanane, die Beuysbanane 2021 zu dem 100. Geburtstag des Künstlers, zu Günther Ueckers 90. Geburtstag 2020 und zu Gerhard Richters 90. Geburtstag 2022. Am 7. Oktober 2023 zum Ausbruch des Nahostkriegs in Gaza, entwarf Baumgärtel z.B. die Nahostbanane, bei der sich Israel und Palästina die Hand reichen.
Die Werkgruppe Metamorphosen der Spraybanane von Baumgärtel lässt sich kunsthistorisch als serielle, prozessuale Bildmatrix verstehen, die an der Schnittstelle von Konzeptkunst, Pop Art, Street Art und ikonografischer Systematik angesiedelt ist. Seit 1991 entwickelt der Künstler seine Spraybanane von einer markenhaften Signatur zu einem vielschichtigen Bildalphabet mit mittlerweile rund 250 Motiven. In den einheitlichen Formaten fungiert die Banane als konstante Grundform, die sich in immer neue Zeichen, Figuren, Künstlerzitate und zeitpolitische Kommentare verwandelt. Dadurch verschiebt sich ihr Status vom Motiv zum semiotischen Träger: Die Banane wird zu einer universellen Signatur, die unterschiedliche kulturelle, historische und gesellschaftliche Bedeutungen in sich aufnehmen kann.
Das zentrale Strukturprinzip der Werkgruppe ist die Metamorphose. In Anlehnung an den antiken Wandlungsgedanken, wie er paradigmatisch in Ovids Metamorphosen formuliert ist, inszeniert Baumgärtel Transformation als grundlegende Bildlogik. Die Banane metamorphosiert sich in Symbole, Persönlichkeiten, kunsthistorische Referenzen oder politische Embleme, während zugleich diese Motive in die Form der Banane rückübersetzt werden.
Formal knüpfen die Arbeiten an die Technik des Pochoirs beziehungsweise der Schablonengraffitis an, wodurch Fragen der Reproduzierbarkeit, Medialität und Serialität in den Vordergrund rücken. Die Spraybanane existiert sowohl als Leinwandbild wie auch als Intervention im öffentlichen Raum und oszilliert somit zwischen institutionellem Kunstraum und urbaner Bildkultur. Diese Reproduzierbarkeit relativiert die auratische Einmaligkeit des Kunstwerks und verweist zugleich auf kunsthistorische Vorläufer serieller Bildproduktion, von der Pop Art bis zu konzeptuellen Archiv- und Atlasprojekten. In diesem Sinne besitzt die Werkgruppe eine enzyklopädische Dimension: Jedes Motiv fungiert als visuelles Stichwort innerhalb einer stetig wachsenden „Bananenenzyklopädie“, die persönliche, kulturelle und politische Themen als zeichenhaftes Tagebuch des Künstlers archiviert.
Besonders prägnant ist die interikonische Strategie der Künstler-Metamorphosen, in denen Baumgärtel die Spraybanane in stilistische Anspielungen auf zentrale Figuren der Kunstgeschichte transformiert. Diese Hommagen fungieren zugleich als ironische Aneignungen und als Reflexion über Stil, Autorschaft und Traditionsbildung. Damit entsteht ein dialogisches Verhältnis zur Kunstgeschichte, das Hochkultur, Populärkultur und Alltagsikonografie gleichrangig integriert. Die Banane wird so zu einer transhistorischen Bildform, die Referenzen von der klassischen Moderne bis zur Gegenwartskunst, von Markenlogos bis zu politischen Symbolen, in einer reduzierten Zeichenstruktur bündelt.
Gleichzeitig besitzt die Werkgruppe eine deutliche zeitdiagnostische Komponente. Thematische Schablonen wie Friedens-, Paragraphen-, Atom- oder Nahostbananen fungieren als visuelle Kommentare zu aktuellen gesellschaftlichen Diskursen. Die Banane wird zum emblematischen Medium, das komplexe politische Ereignisse in eine prägnante, wiedererkennbare Symbolform übersetzt und damit eine ikonische Chronik der Gegenwart schafft. In diesem Zusammenhang lässt sich die Serie auch als ein morphologisches Tagebuch lesen, in dem sich biografische, kulturelle und historische Prozesse sedimentieren.
Der serielle Aufbau des Metamorphosen-Blocks verweist zudem auf die Idee des „offenen Kunstwerks“. Die kontinuierliche Erweiterung der Motivreihen zeigt ein permanentes Kreisen um Formfindung, Formwiederholung und Formweiterentwicklung. Ähnlich atlasartigen Projekten der Moderne fungiert die Werkgruppe als visuelles System, in dem Grundbegriffe künstlerischer und kultureller Bildwelten durchdekliniert werden. Die Spraybanane wird dadurch zu einer Art visuellem Esperanto, einer universellen Zeichensprache, die die Koexistenz und Verwandtschaft aller Dinge behauptet.
Im Werk Baumgärtels steht die Banane somit nicht lediglich als ironisches Markenzeichen, sondern als Sinnbild eines dynamischen Welt- und Kunstverständnisses. Sie verkörpert die Idee, dass alles im Übergang begriffen ist und Identität sich erst im Prozess der Wandlung konstituiert. Die Metamorphosen der Spraybanane formulieren folglich eine künstlerische Morphologie des Lebendigen: eine serielle, offene und enzyklopädische Bildpraxis, in der Transformation, Reproduzierbarkeit und interikonische Vernetzung zum eigentlichen Inhalt des Werkes werden.