In den Jahren 2004 und 2005 ließ Baumgärtel durch seine damalige Assistentin Stefanie Koch, eine ausgebildete Vergolderin, Leinwände und ausgewählte Objekte vollständig mit Blattgold überziehen. Auf diesem kostbaren, traditionell mit religiöser Tafelmalerei, byzantinischen Ikonen und mittelalterlichen Retabeln assoziierten Grund erscheinen seine charakteristischen Motive – insbesondere die Banane – in reduzierter, teilweise fast emblematischer Form. Insgesamt entstanden etwa dreißig dieser „Goldstücke“, die 2005 im Industriemuseum Leverkusen unter dem programmatischen Titel „Goldstücke“ präsentiert wurden.
Kunsthistorisch operiert Baumgärtel hier mit einer bewussten Umcodierung. Blattgold verweist seit der mittelalterlichen Malerei – etwa bei Cimabue oder in der Kölner Tafelmalerei – auf das Göttliche, das Zeitlose und Immaterielle. Es erzeugt keinen illusionistischen Raum, sondern eine entrückte, ikonische Präsenz. Indem Baumgärtel dieses Material auf zeitgenössische Bildzeichen, Architekturfragmente oder digitale Geräte überträgt, entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen sakraler Tradition und profaner Gegenwartskultur. Das Gold fungiert dabei sowohl als ästhetische Aufwertung als auch als ironischer Kommentar auf Wertzuschreibungen im Kunstbetrieb.
Besonders signifikant ist die Blattvergoldung seines damaligen Apple-Computers inklusive der darauf befindlichen Dateien. Die Transformation eines Gebrauchsgegenstandes der digitalen Produktionskultur in ein auratisches, museales Objekt erinnert an Strategien der Appropriation und der Objektkunst des 20. Jahrhunderts – von Duchamps Readymades bis zu Warhols Serigraphien. Doch im Unterschied zur nüchternen Materialität des Readymades wird hier durch die Vergoldung eine sakrale Überhöhung inszeniert. Der Computer wird zum Reliquiar künstlerischer Arbeit, die immateriellen Daten erscheinen symbolisch „veredelt“. Damit reflektiert Baumgärtel zugleich die zunehmende Dematerialisierung von Kunst im digitalen Zeitalter und setzt ihr eine physisch kostbare Oberfläche entgegen.
Auch ikonographisch intensiviert die Serie seine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kunst, Freiheit und öffentlichem Raum. Die Banane – ursprünglich als subkulturelles Qualitätssiegel für progressive Kunstorte verstanden – erscheint auf Goldgrund wie ein Heiligenattribut oder ein heraldisches Zeichen. Ihre popkulturelle Herkunft trifft auf die ästhetische Strenge des monochromen Goldfeldes. Dadurch entsteht eine Hybridform zwischen Ikone, Emblem und Markenzeichen. Die Arbeit oszilliert zwischen ironischer Selbststilisierung und ernsthafter Reflexion über Autorschaft und Kanonisierung.
Darüber hinaus evoziert die Serie eine kritische Dimension im Hinblick auf Marktmechanismen. Gold als materieller Wertträger verweist unweigerlich auf ökonomische Aspekte des Kunstsystems. Indem Baumgärtel seine oft flüchtigen, ursprünglich im Stadtraum gesprayten Motive in dauerhaft wertvolle Objekte transformiert, thematisiert er die Verschiebung vom ephemeren Street-Art-Gestus zur musealen und marktfähigen Ware. Das „Goldstück“ ist somit gleichermaßen ironischer Titel wie programmatische Setzung: Kunst wird buchstäblich zu Gold gemacht.
Insgesamt lässt sich die Werkgruppe als konzeptuelle Verdichtung zentraler Themen Baumgärtels lesen: Zeichenhaftigkeit, Kontextverschiebung, Institutionenkritik und die Reflexion von Wert. Durch die Verbindung von traditionsreichem Material und zeitgenössischer Ikonographie entstehen Arbeiten, die zwischen Sakralisierung und Ironisierung changieren. Die „Goldstücke“ führen vor, wie sich ein subversives Zeichen durch materielle Veredelung in eine auratische Ikone verwandelt – ohne dabei seine kritische Doppelbödigkeit vollständig einzubüßen.