Europablock

Ikonografie eines politischen Traums

Der Werkblock „Europa“ markiert einen zentralen Moment im politischen und ikonografischen Denken Thomas Baumgärtels. Entstanden vorwiegend in den frühen 1990er Jahren, spiegeln diese Arbeiten die euphorische, zugleich fragile Phase eines sich neu formierenden Europas nach dem Ende des Kalten Krieges. In einer Zeit, in der politische, wirtschaftliche und kulturelle Grenzen neu verhandelt wurden, entwickelt Baumgärtel eine eigenständige Bildsprache, in der die Banane in den Sternenkranz der Europäischen Union eintritt – als Störsignal, Kommentar und poetische Intervention zugleich.
Ausgangspunkt ist Baumgärtels erste Galerieausstellung im Ausland 1994 in Basel unter dem programmatischen Titel „Bananen für Europa“. Hier werden die Werke erstmals geschlossen präsentiert und formulieren ein klares künstlerisches Bekenntnis zu einem offenen, demokratischen und solidarischen Europa. Die ikonische EU-Symbolik – das Ultramarinblau, der Kreis der goldenen Sterne – wird nicht zitiert, sondern künstlerisch angeeignet, verfremdet und aufgeladen. Die Banane fungiert dabei als ironischer Fremdkörper, als Zeichen der Fragilität, aber auch als lebendiges Element in einem politischen Emblem.
Baumgärtels Europabilder stehen in der Tradition politischer Pop Art, gehen jedoch über bloße Affirmation oder Kritik hinaus. Sie operieren im Spannungsfeld von Idealismus und Skepsis, von Hoffnung und Warnung. Slogans wie „Ohne Europa ist alles Banane“ oder „Ohne Demokratie ist alles Banane“ verdichten komplexe politische Zusammenhänge zu klaren, bildstarken Aussagen. Die einfache Lesbarkeit der Motive ist dabei bewusst gewählt: Europa soll kein abstraktes Konstrukt bleiben, sondern emotional, visuell und gesellschaftlich erfahrbar werden.
Ein wichtiges Moment dieses Werkblocks ist auch Baumgärtels Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum. 1993 wurde er eingeladen, Entwürfe für den damaligen Berliner Platz (heute Europaplatz) in Hürth zu entwickeln. Sein Vorschlag, den gesamten Platz ultramarinblau mit einem großen gelben Sternenkranz zu gestalten, zielte auf eine radikale Sichtbarmachung der europäischen Idee im Alltag. Auch wenn dieses Projekt nicht realisiert wurde, zeigt es die Konsequenz, mit der Baumgärtel Kunst, Politik und Stadtraum zusammendenkt.
Einen weiteren Akzent setzt die Überarbeitung von Wolf Vostells „Ruhendem Verkehr“ 1993 in einer blauen Euroversion, nachdem Baumgärtels Spraybananen übertüncht worden waren. Diese Intervention kann als dialogischer Akt innerhalb der deutschen Nachkriegskunst gelesen werden: eine Weiterführung der gesellschaftskritischen Tradition Vostells mit den Mitteln der Street Art und der Pop-Ikonografie der 1990er Jahre.
Der Europablock ist damit weit mehr als eine zeitgebundene Werkgruppe. Er ist Ausdruck eines künstlerischen Engagements, das politische Realität nicht illustriert, sondern bildlich verhandelt. Europa erscheint bei Baumgärtel nicht als fertiges Gebilde, sondern als Prozess, als fragile Konstruktion, die immer wieder neu gedacht, verteidigt und gestaltet werden muss. In der Verbindung von Symbol, Farbe und Zeichen entsteht eine Ikonografie, die zugleich zugänglich und komplex ist – eine visuelle Grammatik des europäischen Gedankens.
Die Europawerke zeigen Thomas Baumgärtel als Künstler, der früh und entschieden Position bezieht. Sie machen deutlich, dass seine ikonische Banane nie nur Markenzeichen war, sondern stets Trägerin politischer, gesellschaftlicher und humanistischer Bedeutungen. Der Europablock ist damit ein Schlüsselwerk innerhalb seines Œuvres – ein bildgewordenes Plädoyer für Demokratie, Offenheit und kulturelle Verbundenheit.
Die Werkgruppe Europablock wird in diesem Haus zu sehen sein