In der Zusammenschau der Werkgruppe „Apokalypse“ (2023) mit dem Werkblock „Holocaust“ verdichtet sich Thomas Baumgärtels künstlerisches Anliegen zu einer umfassenden, historisch wie ethisch grundierten Auseinandersetzung mit Zerstörung, Schuld, Erinnerung und Verantwortung. Beide Werkkomplexe stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern bilden inhaltlich und formal einen Spannungsraum zwischen historischer Katastrophe und gegenwärtiger Bedrohung – zwischen erinnerter Vergangenheit und möglicher Zukunft.
Der Werkblock „Holocaust“ greift auf fotografische Quellen, dokumentarische Bildtraditionen und kollektive Gedächtnisbilder zurück. Baumgärtel arbeitet hier vielfach mit Überblendungen, monochromen Gelb- oder Sepiatönen sowie zeichnerischen Überformungen, die eine Distanz zwischen dokumentarischem Ursprung und künstlerischer Aneignung schaffen. Das Gelb – kunsthistorisch ambivalent besetzt zwischen Warnfarbe, Stigma (der „gelbe Stern“) und Signalfarbe – wird zum dominierenden atmosphärischen Filter. Die Werke oszillieren zwischen Sichtbarmachung und Verfremdung: Sie erinnern an fotografische Negative, an Archivmaterial oder an ausgebleichte Zeitdokumente. Dadurch thematisiert Baumgärtel nicht nur das historische Ereignis, sondern auch dessen mediale Überlieferung und die Fragilität des Erinnerns.
Formal knüpft dieser Werkblock an Strategien der Appropriation Art und der kritischen Geschichtsreflexion an, wie sie seit den 1980er-Jahren in der deutschen Kunst verstärkt auftreten. Anders als eine rein dokumentarische Darstellung zielt Baumgärtel jedoch auf eine emotionale und moralische Aktivierung des Betrachters. Die wiederkehrende Banane – sein Markenzeichen – erscheint hier in politisch aufgeladener Brechung: nicht als humorvolle Geste, sondern als irritierender Eingriff in das historische Bildgedächtnis. Sie destabilisiert den rein musealen Blick und verweist auf die Frage nach heutiger Verantwortung im Umgang mit Geschichte.
Im Dialog mit der Werkgruppe „Apokalypse“ verschiebt sich der Fokus von der historischen Singularität der Shoah hin zu einer universellen, zeitübergreifenden Dimension von Bedrohung. Während der Werkblock „Holocaust“ auf die konkret geschehene Katastrophe des 20. Jahrhunderts verweist, visualisieren die apokalyptischen Reiter eine potenzielle Zukunft. Krieg, digitale Manipulation, ökologische Verwüstung und autoritäre Macht erscheinen als neue Reiter einer selbstverschuldeten Endzeit.
Mit dem groß angelegten Projekt „Apokalypse“ widmet sich Thomas Baumgärtel einem der gewaltigsten Bildmotive der abendländischen Kultur: den Vier apokalyptischen Reitern aus der biblischen Offenbarung des Johannes. Die Werkgruppe besteht aus vier monumentalen Gemälden, jeweils etwa 4 x 4 Meter groß und einem Gemälde 150 x 150 cm, die thematisch und formal das klassische Endzeitnarrativ in einen hochaktuellen, gesellschaftskritischen Kontext überführen.
Das Projekt war 2023 Teil einer überregionalen Ausstellungsreihe der Evangelischen Kirche im Rheinland, in der renommierte Künstler*innen eingeladen wurden, sich mit dem Thema „Apokalypse“ auseinanderzusetzen. Die Vier apokalyptischen Reiter von Baumgärtel wurden erstmals 2023 in der Konstantin-Basilika Trier (Evangelische Kirche zum Erlöser) gezeigt – einem symbolträchtigen, sakralen Ort, der den Spannungsbogen zwischen religiösem Ursprung und zeitgenössischer Interpretation verstärkt – und später in der Erlöserkirche Köln.
Anstatt die Reiter als reine Endzeitboten zu verstehen, transformierte Baumgärtel sie in Allegorien gegenwärtiger Krisen.
Trotz der Schwere der Themen bleibt Baumgärtels Werk nicht im Pessimismus verhaftet. Seine Kunst appelliert an die Verantwortung des Einzelnen und an die Möglichkeit zur Veränderung – in einer Welt, die sich am Scheideweg befindet.
Die Ausstellungen stießen auf große Resonanz, nicht nur im kirchlichen Raum, sondern auch in der Kunstszene und der Öffentlichkeit. Baumgärtel gelingt es, mit den Mitteln der Kunst eine Verbindung zwischen religiösem Symbolgehalt, gesellschaftlicher Dringlichkeit und ästhetischer Kraft herzustellen. Die monumentalen Bilder fordern dazu auf, hinzuschauen statt wegzusehen, und rufen zur ethischen und politischen Reflexion auf.
(Kuratoren des Projekts: Holder Hagedorn, Andreas Mertin (Theologe, Kunstvermittler und Publizist), Dr. Michael Hüttenberger (Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland) und Sophie Sümmermann).
Kunsthistorisch lässt sich diese Gegenüberstellung als Transformation vom retrospektiven Erinnerungsbild zum prospektiven Warnbild beschreiben. Der „Holocaust“-Block steht in der Tradition der deutschen Erinnerungskunst, die seit den 1990er-Jahren verstärkt Fragen nach Schuld, Verantwortung und kollektiver Identität stellt. „Apokalypse“ hingegen greift auf die ikonografische Tradition religiöser Endzeitdarstellungen zurück – von mittelalterlichen Weltgerichten über Dürers Holzschnittfolge bis zu modernen Katastrophenvisionen – und aktualisiert sie für eine globalisierte, medial überformte Gegenwart.
In der Zusammenschau entsteht eine dialektische Struktur: Der Holocaust erscheint als historisch realisierte Apokalypse; die Apokalypse-Gemälde als Mahnung, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist. Baumgärtel inszeniert damit keinen linearen Geschichtsverlauf, sondern ein zyklisches Modell von Zerstörung und Verantwortung. Der sakrale Ausstellungsraum – etwa in Trier oder Köln – verstärkt diesen Zusammenhang, indem er das moralische Moment der Werke unterstreicht und sie in eine lange Tradition religiöser Bilddidaktik stellt.
Trotz der Schwere der Themen bleibt ein entscheidender Unterschied: Während der „Holocaust“-Block auf das Unwiderrufliche verweist, enthalten die „Apokalypse“-Gemälde ambivalente Zeichen der Hoffnung – etwa Figuren des Widerstands oder kleine Gesten des Neubeginns. Daraus ergibt sich eine ethische Botschaft: Erinnerung ist Voraussetzung für Verhinderung.
Als Gesamtkomplex gelesen, formulieren beide Werkgruppen eine umfassende künstlerische Intervention gegen das Vergessen und gegen die Gleichgültigkeit. Baumgärtel verbindet historische Tiefenschärfe mit gegenwärtiger Dringlichkeit und überführt religiöse wie politische Bildtraditionen in eine monumentale, emotional aufgeladene Malerei. Die Werke fordern nicht nur Betrachtung, sondern Positionierung – zwischen Vergangenheit, Gegenwart und der offenen Frage nach der Zukunft.