Die Werkgruppe lässt sich kunsthistorisch als konsequente Weiterentwicklung des Negativbildprinzips verstehen, die in der Tradition des Fotogramms steht und zugleich eine eigenständige mediale Transformation dieser historischen Technik darstellt. Ausgangspunkt ist eine Zufallsentdeckung aus dem Jahr 1998, als Baumgärtel beim Besprühen dreidimensionaler Bananenobjekte feststellte, dass diese auf dem Untergrund helle Abdrücke hinterließen. Die Bananen fungierten dabei als physische Barrieren des Farbauftrags, sodass ihre Silhouetten als negative Formen sichtbar wurden. Diese frühen „Bananen-Spraygramme“ (Acryllack auf Kunststofffolie) markieren den Beginn einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Objekt, Spur und Bildentstehung und können als malerisch-technische Entsprechung zum fotografischen Fotogramm gelesen werden. Wie bei den Rayographien Man Rays entsteht das Bild nicht durch Abbildung, sondern durch die indexikalische Spur eines realen Gegenstands, der den Bildprozess unmittelbar strukturiert.
Mit der Wiederaufnahme und systematischen Ausarbeitung der Technik ab 2012 erfolgt eine entscheidende konzeptuelle Präzisierung. Baumgärtel legt nun gezielt Alltagsgegenstände – etwa Werkzeuge, Flaschenöffner, Korkenzieher, Teebeutel, Gabeln, Kämme, Luftballons oder Nudeln – auf Leinwand, Karton, Kunstleder oder Papier und übersprüht sie mit Spraylack. Im Unterschied zur klassischen Schablonentechnik verwendet er keine ausgeschnittene Negativform, sondern die realen, „positiven“ Gegenstände selbst als bildgenerierende Elemente. Diese fungieren als materielle Negativformen, indem sie den Farbauftrag partiell verhindern und so helle Umrisskörper auf dunklem Grund erzeugen. Das Bild entsteht somit aus der direkten physischen Präsenz der Dinge und besitzt eine ausgeprägte indexikalische Qualität, die an die fotografische Spurästhetik anknüpft, zugleich jedoch in ein malerisch-sprühtechnisches Verfahren überführt wird.
Kunsthistorisch lässt sich diese Werkgruppe in eine Linie mit der Fotogramm-Tradition seit dem frühen 19. Jahrhundert stellen, wie sie von Künstlern der Avantgarde, insbesondere von Man Ray, experimentell weiterentwickelt wurde. Baumgärtel aktualisiert dieses Prinzip, indem er anstelle von Licht Spraylack als bildgebendes Medium einsetzt und die Technik aus dem fotografischen Kontext in die Sphäre der zeitgenössischen Malerei und urbanen Sprayästhetik überführt. Dabei entsteht eine eigentümliche Verbindung von Zufall und Kontrolle: Einerseits bestimmt die zufällige Lage der Objekte die Komposition, andererseits werden die Dinge bewusst inszeniert und seriell angeordnet, sodass typologische Bildfelder entstehen. Die Reihung von Gegenständen wie Teebeuteln, Flaschenöffnern oder Werkzeugen verweist zudem auf Strategien der Serialität, die seit der Pop Art und Konzeptkunst zentrale Bedeutung besitzen.
Gleichzeitig lässt sich die Verwendung banaler Alltagsobjekte als Motivträger im Kontext einer erweiterten Objektästhetik verorten. Ähnlich wie im Readymade-Gedanken der Moderne werden Gebrauchsgegenstände in den künstlerischen Prozess integriert, jedoch nicht als reale Objekte präsentiert, sondern als ihre Spuren im Bild transformiert. Dadurch entsteht eine ikonografische Aufladung des Alltäglichen, die zwischen Dinglichkeit und Abstraktion oszilliert. Die Gegenstände erscheinen wie Schattenrisse oder Relikte, die im Bildraum schweben und durch die Überlagerung von Sprühschichten eine überraschende räumliche Tiefe entfalten. Diese Inszenierung erzeugt eine visuelle Präsenz, die über die bloße Negativform hinausgeht und eine atmosphärische Bildwirkung entwickelt.
Die „Spraygramme“ verbinden somit mehrere kunsthistorische Referenzfelder: die Spurästhetik der Fotogramme, die Material- und Prozesskunst der Nachkriegszeit sowie die urbane Bildsprache der Spraymalerei. Indem Baumgärtel das Negativbild nicht fotografisch, sondern malerisch erzeugt, transformiert er ein historisches Verfahren in ein zeitgenössisches Medium und erweitert dessen ästhetische Möglichkeiten. Von der zufälligen Entdeckung der Bananenabdrücke 1998 bis zu den konzeptuell ausgearbeiteten Serien ab 2012 entsteht eine kohärente Werkgruppe, die das Verhältnis von Objekt, Abdruck und Bildproduktion reflektiert und die Tradition der direkten Negativabbildung mit den Mitteln moderner Spraytechnik aktualisiert. In diesem Sinne stellen die „Spraygramme“ eine medienreflexive, zeitgenössische Fortführung des Fotogrammprinzips dar, die historische Verfahren nicht zitiert, sondern in eine neue, material- und prozessorientierte Bildsprache überführt.