Die Werkgruppe „Plakatwandbilder“ nimmt innerhalb des Œuvres von Thomas Baumgärtel eine zentrale und eigenständige Position ein. Seit 2015 arbeitet der Künstler mit einem ebenso ungewöhnlichen wie hoch aufgeladenen Bildträger: den Rückseiten geklebter Plakate, den sogenannten Plakatwänden. Es handelt sich dabei um großformatige Papierbahnen, die oft über Jahre hinweg auf Backsteinmauern – insbesondere unter Brückenunterführungen – angebracht waren. Auf ihrer Rückseite, dem charakteristischen Bluebackpaper, haben sich Struktur, Rhythmus und Verletzungen der Mauer eingeschrieben: Ziegelabdrücke, Risse, Feuchtigkeitsspuren, Schmutz, Abrieb und Überlagerungen des urbanen Alltags. Die Stadt selbst hat dieses Material geformt, lange bevor der Künstler es bearbeitet.
Baumgärtel nutzt diese Plakatwände nicht als neutralen Malgrund, sondern eignet sie sich bewusst als historisch, sozial und räumlich aufgeladenes Material an. Die vorgefundenen Spuren bleiben sichtbar und werden integraler Bestandteil der Bildkomposition. Malerei, Spraytechnik, Collage und Street-Art-Elemente verbinden sich mit dem geprägten Untergrund zu vielschichtigen Bildoberflächen, in denen Ort, Zeit und Handlung zusammenfallen. Die Mauer fungiert dabei nicht nur als Träger, sondern als zentrales Thema: als Speicher von Geschichte, als Zeichen von Begrenzung und zugleich als Projektionsfläche für Veränderung.
Symbolisch vollzieht Baumgärtel mit dieser Werkgruppe einen Akt der Umkehrung. Was ursprünglich trennte, abgrenzte und Räume verschloss, wird zum Ausgangspunkt für Bilder, die Verbindung, Bewegung und Offenheit thematisieren. Dass Brücken zu den ersten Motiven dieser Serie gehören, ist folgerichtig. „Mauern einreißen – Brücken bauen“ ist hier kein dekorativer Slogan, sondern programmatischer Kern. In direkter inhaltlicher Verbindung zu den Brückenbildern formulieren die Plakatwandbilder eine klare gesellschaftliche Haltung gegen Abschottung, Ausgrenzung und mentale Grenzen.
Der Motivkreis dieser Werkgruppe ist bewusst weit gespannt: Architektur und Stadträume stehen neben politischen Zeichen, kulturellen Ikonen, Porträts, ironischen Bildzitaten und aktuellen Zeitkommentaren. Wiederkehrend erscheint die ikonische Spraybanane – als Störsignal, Markierung, ironischer Kommentar oder poetische Intervention. Eingebettet in ein Material, das selbst Geschichte und Realität in sich trägt, fungiert sie als visuelles Bindeglied und als kritischer Impuls innerhalb der Bildflächen.
Die Bedeutung dieses Materials für Baumgärtels künstlerische Arbeit zeigt sich auch darin, dass ein Motiv der Plakatwandbilder als Cover für seinen letzten Zehnjahreskatalog (Wienand Verlag, Köln) gewählt wurde. Mit inzwischen über 200 Arbeiten bildet die Serie einen eigenständigen, gewichtigen Werkblock. Die Plakatwandbilder stehen exemplarisch für Baumgärtel’s Fähigkeit, urbane Realität, politische Haltung und künstlerische Form zu einer dichten, zeitgenössischen Bildsprache zu verbinden – einer Kunst, die aus der Großstadt hervorgeht und bewusst in die Gesellschaft zurückwirkt.