Die Werkgruppe „Alte Meister – Übersprühungen“ von Thomas Baumgärtel, die er ab 1989 entwickelt, zählt zu den zentralen und konzeptuell stärksten Strängen seines Œuvres. Sie steht exemplarisch für seinen Ansatz, Kunstgeschichte nicht ehrfürchtig zu konservieren, sondern sie anzugreifen, zu reaktivieren und neu zu codieren.
Ausgangspunkt dieser Arbeiten sind bereits existierende Bilder, meist traditionelle oder kitschig-konventionelle Malereien, die tief im kollektiven Bildgedächtnis verankert sind: Alpenlandschaften, röhrende Hirsche, religiöse Motive, romantische Seestücke oder Anleihen bei den „Alten Meistern“. Viele dieser Werke stammen aus Flohmärkten, Trödelläden oder aus dem bürgerlichen Wohnzimmerkontext – Bilder, deren ursprünglicher kultureller oder ästhetischer Wert oft verblasst oder banalisiert ist.
Baumgärtel greift genau hier ein. Mit der Spraydose – seinem zentralen Werkzeug – setzt er gezielte Zeichen, allen voran die ikonische Banane, aber auch Symbole wie Dollarzeichen, Masken oder zeitgenössische Referenzen. Diese Übersprühung ist kein beiläufiger Vandalismus, sondern ein bewusster künstlerischer Akt im Geist von Marcel Duchamp: Die Kunstgeschichte wird nicht zerstört, sondern ironisch gebrochen und neu kontextualisiert. Das Alte wird mit dem Heute konfrontiert.
Die Banane fungiert dabei als ästhetischer Störkörper und zugleich als Qualitätssiegel, Kommentar und Markenzeichen. Sie legt Bedeutungen frei, hinterfragt Autorität, Geschmack, Marktwert und den Mythos des Originals. Durch den Eingriff entsteht eine Reibung zwischen Hochkunst und Alltagsbild, zwischen sakralem Pathos und subversivem Humor, zwischen Ehrfurcht und Respektlosigkeit.
Mit diesem Werkblock wurde Baumgärtel zu einem Pionier der künstlerischen Aneignung im urbanen Kontext. Seine Übersprühungen antizipieren Strategien, die später von Street-Art-Künstlern international aufgegriffen wurden. Nicht zufällig gilt er als Vorreiter für eine Generation, zu der auch Banksy gezählt wird – dessen berühmte Aktion von 2013, bei der ein übersprühtes „thrift store painting“ in New York für rund 400.000 Dollar versteigert wurde, direkt an Baumgärtels Konzept anknüpft.
Zusammengefasst ist die Werkgruppe „Alte Meister Übersprühungen“ eine radikale wie humorvolle Neuverhandlung der Kunstgeschichte: Sie entlarvt ihre Rituale, stellt Fragen nach Wert und Aura und beweist zugleich, dass selbst scheinbar verbrauchte Bilder durch einen präzisen künstlerischen Eingriff zu neuem Leben erwachen können.
„Mit seinen ‘Übersprühungen’ diversifiziert Thomas Baumgärtel die Kunstgeschichte im Geist von Marcel Duchamp.“
Dorothee Baer-Bogenschütz im Katalog Thomas Baumgärtel „Übersprühungen“, 2004