Der Werkblock der Schilderarbeiten bildet einen zentralen und konsequenten Strang innerhalb des Œuvres von Thomas Baumgärtel. Ausgangspunkt ist das Verkehrsschild als normiertes Objekt mit klar definierter, öffentlich-rechtlicher Funktion: Orientierung, Regelung, Verbot und Gebot. Diese semantisch hoch codierten Träger von Ordnung und Autorität werden von Ihnen angeeignet, überarbeitet, ironisiert und semantisch umgedeutet. Dadurch transformiert er ein Instrument staatlicher Regulierung in eine Projektionsfläche für gesellschaftskritische, politische und kulturelle Kommentare. Indem Baumgärtel Verkehrsschilder, Ortsschilder, Wegweiser und Industrieschilder als Bildträger nutzt, erweitert er die klassische Leinwand um Objekte des Alltags und der Infrastruktur. Damit verschiebt sich der Kunstbegriff in den öffentlichen Raum und in den Bereich der sozialen Praxis. Das Schild bleibt als Objekt erkennbar, wird aber zugleich zum autonomen Kunstwerk.
„Wir sind umgeben von Schildern. Ein Schild dient uns in unserem Leben primär als Orientierungshilfe. Es begegnet uns als Verkehrsschild, als Wegweiser oder auch als Hinweisschild für Besonderheiten entlang unserer Wege. Vor allem im Straßenverkehr besitzt das Schild eine ausgewiesene öffentliche Funktion, der nachzukommen wir, nicht selten unter Androhung von Strafe, zu folgen haben. Es ist nur konsequent, dass Thomas Baumgärtel, der sich kontinuierlich und seit Beginn an in seinem Werk mit gesellschaftlichen Hierarchien und Ordnungssystemen kritisch auseinandersetzte, nun auch das Verkehrsschild zum Träger seiner Botschaften macht. Im Kontext seiner Streetart Projekte übersprüht und bearbeitet er Hinweis- und Verbotsschilder, er karikiert deren eigentliche Bedeutung und hinterfragt und erweitert deren Deutungshorizont. Bisweilen integriert er tagesaktuelle Themen, wie die Bekämpfung des Coronavirus 2020/2021 oder auch die nachgewiesene Manipulationen des ADAC bei der Vergabe des „Gelben Engel“. Die Themen finden dabei nicht nur ein Resonanz als Übersprühungen von Schildern, vielmehr ergänzen sie die reichhaltige Palette von Baumgärtels Spraygrundlagen.“
Dr. Stephan Mann, Leiter Museum Goch