Deutsche Einheit

Kaleidoskop der deutschen Nachkriegsgeschichte

Die Werkgruppe „Deutsche Einheit“ von Thomas Baumgärtel, die seit 1999 teilweise in gemeinschaftlicher Arbeit mit Harald Klemm entsteht, bildet eine zentrale künstlerische Auseinandersetzung mit den politischen, gesellschaftlichen und psychologischen Folgen der deutschen Teilung und Wiedervereinigung. Ausgangspunkt der Arbeiten sind die historischen Einschnitte des Mauerbaus, des Kalten Krieges und des Mauerfalls von 1989 sowie die daraus hervorgegangenen Veränderungen im kollektiven und individuellen Bewusstsein. Die Werke reagieren auf diese Umbrüche nicht dokumentarisch, sondern reflektierend und interpretierend. Sie verstehen Kunst im Sinne eines Spiegels ihrer Zeit und stellen zugleich die bis heute aktuelle Frage, inwieweit die deutsche Einheit tatsächlich vollzogen ist, da politische, soziale und mentale Unterschiede zwischen Ost und West weiterhin sichtbar bleiben.
Beide Künstler bringen unterschiedliche persönliche und fachliche Perspektiven in das gemeinsame Projekt ein. Für Thomas Baumgärtel spielt seine psychologische Sichtweise eine zentrale Rolle. Bereits während seines Psychologiestudiums beschäftigte er sich mit den seelisch-gesellschaftlichen Spannungen, die mit der Einheitsbildung verbunden sind. Ein wesentliches Ausdrucksmittel seiner Arbeiten ist die Banane, die für ihn zu einem der wichtigsten Symbole der Wiedervereinigung geworden ist. Sie steht gleichermaßen für Konsumversprechen, gesellschaftliche Projektionen und ironische Brechung politischer Realität. Harald Klemm nähert sich dem Thema aus einer historisch-philosophischen und biografisch geprägten Perspektive. Durch seine Familiengeschichte, in der die deutsche Teilung eine konkrete Trennung bedeutete, besitzt die Wiedervereinigung für ihn eine persönliche Dimension. Politische Themen wie Flucht, Vertreibung und gesellschaftliche Umbrüche gehören daher zu den wiederkehrenden Motiven seines künstlerischen Werks.
Die gemeinsamen Arbeiten zeichnen sich durch eine enge Verzahnung beider Positionen aus. Bildmotive entstehen häufig über längere Zeiträume hinweg aus Überlagerungen, Reduktionen und malerischen Akzenten. Dabei wechseln sich figürliche Anspielungen und abstrakte Elemente rhythmisch ab. Historisch aufgeladene Motive wie das Brandenburger Tor, der Mauerfall, der Trabant, staatliche Embleme oder Porträts politischer Persönlichkeiten werden aufgegriffen, zugleich jedoch malerisch verfremdet und ihrer Eindeutigkeit entzogen. Auf diese Weise entstehen Bilder, die weniger historische Fakten illustrieren als vielmehr Erinnerungsräume öffnen, in denen persönliche Erfahrung und kollektives Gedächtnis miteinander verschmelzen.
Ein charakteristisches Merkmal der Werkgruppe ist die bewusste Verbindung nationaler Symbole mit der ikonischen Banane Baumgärtels. Das Brandenburger Tor als offizielles Zeichen der deutschen Einheit wird mit der gelben Frucht kombiniert und damit ironisch kommentiert. Die so entstehende Persiflage auf die sogenannte „Bananenrepublik“ verleiht den Arbeiten eine humorvolle, zugleich jedoch kritische Dimension. Die Werke sind nicht eindeutig lesbar, sondern leben von Mehrdeutigkeit, Widerspruch und spielerischer Provokation. Gerade diese Mischung aus politischem Ernst, ironischer Distanz und malerischer Freiheit bildet ihren besonderen Reiz.
Der Kunsthistoriker Otto Pannewitz beschrieb die Gemeinschaftsarbeiten treffend als ein „Kaleidoskop der deutschen Nachkriegsgeschichte“. Dieser Vergleich verweist sowohl auf die komplexe Arbeitsweise der Künstler als auch auf die Vielschichtigkeit der behandelten Themen. In ständig wechselnden Konstellationen fügen sich historische Ereignisse, politische Symbole und persönliche Erinnerungen zu neuen Bildzusammenhängen. Die Werkgruppe „Deutsche Einheit“ macht damit deutlich, dass die Wiedervereinigung kein abgeschlossenes historisches Kapitel ist, sondern ein fortdauernder Prozess, der bis heute Fragen nach Identität, Zusammengehörigkeit und gesellschaftlicher Gleichbehandlung aufwirft.
Die Werkgruppe Deutsche Einheit wird an diesem Kunstort ausgestellt sein