Medizinischer Block und Objekte

Banane als Träger existenzieller, gesellschaftlicher und symbolischer Bedeutungen

Dieser erste Werkblock, der „Medizinische Block“, gehört zu den biografisch und konzeptuell zentralen Werkzusammenhängen im Œuvre von Thomas Baumgärtel. Seine Entstehung ist unmittelbar mit dem Zivildienst des Künstlers 1982/83 im Katholischen Krankenhaus Rheinberg verbunden. Auf Wunsch seines Vaters sollte Baumgärtel zunächst Medizin studieren und arbeitete in der Chirurgischen Männerstation, im Operationssaal, in der Ambulanz und auf der Intensivstation. Er assistierte bei Eingriffen, reichte Instrumente an, erlebte Notfälle und Röntgenaufnahmen. Er wurde Zeuge von beinahe jeder Art von Eingriff und erlebte sogar Geburten per Kaiserschnitt, verblüffenderweise bei der gleichen Gynäkologin, die ihn einst zur Welt gebracht hatte. Die direkte Konfrontation mit dem geöffneten Körper, mit Schmerz, Rettung und Tod prägte seine Wahrnehmung nachhaltig.

Ein Schlüsselmoment innerhalb dieses medizinisch geprägten Erfahrungsraums ist die  Kreuzigung einer Banane 1983 im damaligen katholischen Krankenhaus Rheinberg. In einem Krankenzimmer der Chirurgischen Männerstation, in dem ein Kruzifix von der Wand gefallen war, ersetzte Baumgärtel den zerbrochenen Porzellan-Christus spontan durch seine geschälte Frühstücksbanane und hängte das Kreuz wieder auf. Die Reaktionen reichten von großer Heiterkeit und Erleichterung bei den Patienten bis zu Empörung seitens der Ordensschwestern. Diese intuitive, existenziell wie symbolisch aufgeladene Intervention gilt als Initialzündung für Baumgärtels Entschluss, Künstler zu werden, und markiert zugleich den frühen Ursprung seiner ikonischen Bananensymbolik und seiner Auffassung, dass Kunst heilt.

Ab 1984 verarbeitet Baumgärtel diese Erfahrungen im Rahmen seines Kunststudiums. Die frühen medizinischen Arbeiten sind keine dokumentarischen Darstellungen, sondern expressive Verdichtungen des Erlebten. Köpfe, Körperfragmente und organische Formen erscheinen zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Anatomie und innerer Vision. Durch die Beimischung von Sand und Beton entstehen reliefartige Oberflächen, die den Körper nicht nur darstellen, sondern physisch erfahrbar machen. Der Mensch erscheint als verletzliche, fragile und zugleich widerständige Existenz.

Angeregt durch den Arzt Dr. Thomas Eisenbach, der die formale Nähe von Banane und Magen erkannte, verschränkt Baumgärtel erstmals medizinische Symbolik mit seinem ikonischen Motiv und kreiert die „Äskulapbanane“, eine der frühesten Metamorphosen der Spraybanane. Hier beginnt jene Transformation, die sein gesamtes späteres Werk prägen wird: die Banane als Träger existenzieller, gesellschaftlicher und symbolischer Bedeutungen.

Die großformatigen Kopfbilder markieren eine besondere Verdichtung innerhalb des Medizinischen Blocks. Ihre plastische Materialität, die reliefartige Struktur – teils mit PVC gemalt – und die expressive Farbigkeit ermöglichen eine intensive Auseinandersetzung mit dem menschlichen Antlitz als Ort von Identität, Verletzlichkeit und Endlichkeit. Sie stehen in der Tradition existenzieller Figuration des 20. Jahrhunderts.

Ein prägendes biografisches Ereignis war der Tod einer OP-Oberschwester an Leukämie, die Baumgärtel während seines Zivildienstes kannte. Der Künstler vermutet einen Zusammenhang mit der langjährigen Strahlenbelastung im Operationssaal. Diese Erfahrung schärfte seinen Blick für die Ambivalenz medizinischen Fortschritts und vertiefte die Auseinandersetzung mit den ethischen, körperlichen und menschlichen Dimensionen von Heilung und Gefährdung.

Ein symbolisch wie biografisch bedeutsamer Moment ist Baumgärtels Aktion vom 12. Januar 2018, als er im Gemeinschaftskrankenhaus Bonn, Haus St. Petrus, erstmals in einem Operationssaal sprühte. Der Ort, der Jahrzehnte zuvor Schauplatz seines Zivildienstes war, wird nun zum Ort künstlerischer Intervention – das „Unmögliche möglich machen!“.

Institutionell wurde der Medizinische Block früh rezipiert. Das Wilhelm-Fabry-Museum in Hilden präsentierte 2009 eine umfassende Ausstellung zu diesem Werkzusammenhang und publizierte einen Katalog. 2013 erwarb das Museum ein erstes Kopfbild für seine medizinische Kunstsammlung. Mit der Ausstellung „Kunst heilt“ (2019–2021) wurde der Werkblock erneut in einen aktuellen Kontext vom Wilhelm-Fabry-Museum gestellt – ursprünglich lange vor der Corona-Pandemie geplant, gewann die Ausstellung durch die globale Krise zusätzliche Aktualität. In diesem Zusammenhang entstanden auch Arbeiten zur Pandemie sowie die „Impfbanane“ als Zeichen der Anerkennung und des Dankes an Pflegepersonal, Krankenhäuser und engagierte Impfinitiativen.

Die Werkgruppe Medizinischer Block wird an diesem Kunstort ausgestellt sein