Früchtebilder

Vielfarbiger Bananenpointillismus

Die Werkgruppe der „Früchtebilder – Vielfarbiger Bananenpointillismus“ markiert innerhalb des Œuvres von Thomas Baumgärtel seit dem Jahr 2000 eine zentrale Erweiterung und zugleich eine programmatische Neuorientierung. Auf den reduzierten, bichromatischen gelb-schwarzen Bananenpointillismus folgt eine konsequente Öffnung zur Farbe, zur Malerei und zur Auseinandersetzung mit der kunsthistorischen Tradition des Stilllebens. Dabei wird die ikonische Banane keineswegs aufgegeben, sondern in ihrer Funktion grundlegend transformiert: Aus dem signethaften, urban codierten Zeichen wird ein piktorales Modul, ein bildkonstituierendes Element, das in serieller Wiederholung ganze Bildkörper, Volumina und Kompositionen formt.
Während die frühe gelb-schwarze Spraybanane als politisch lesbares Emblem im Kontext von Street Art und Institutionskritik operierte, entwickelt Baumgärtel im vielfarbigen Bananenpointillismus eine malerische Matrix. Aus unzähligen kleinen, farbigen Spraybananen entstehen Früchtestillleben von Zitronen, Mandarinen, Trauben, Kürbissen, Tomaten, Feigen, Kirschen oder exotischen Früchten. Formal erinnert das Verfahren an den historischen Pointillismus, doch an die Stelle des neutralen Farbpunktes tritt ein ikonografisch vorgeprägtes Motiv. Jedes „Pixel“ trägt Bedeutung in sich. In der Distanz schließen sich die Module zu plastisch wirkenden Fruchtkörpern zusammen, in der Nähe bleibt die serielle Struktur sichtbar. So entsteht ein produktives Spannungsverhältnis zwischen Zeichenhaftigkeit und illusionistischer Wirkung, zwischen Konzept und Malerei.
Mit der bewussten Hinwendung zum Genre des Stilllebens greift Baumgärtel eine der traditionsreichsten Gattungen der europäischen Kunstgeschichte auf. Anders als im barocken Vanitas-Stillleben, das Vergänglichkeit allegorisch inszeniert, fixieren seine Früchtebilder den Moment höchster Reife und sinnlicher Präsenz. Die Früchte erscheinen in intensiver Leuchtkraft, hochgesättigt, körperlich greifbar – als Momentaufnahme jenes Zustands, der unmittelbar vor dem Vergehen steht. Vergänglichkeit wird nicht moralisch belehrt, sondern ästhetisch verdichtet. Das Bild konserviert den „schönsten Moment der Frucht“ durch eine konstruktive, modulare Bildstruktur.
Biografisch bedeutet dieser Werkblock eine bewusste Revision früherer künstlerischer Haltungen. Während des Studiums verweigerte Baumgärtel das akademische Abmalen von Früchten als unzeitgemäß. Erst mit der Entwicklung des Bananenpointillismus als eigenem künstlerischen Instrument konnte er das traditionelle Sujet für sich neu besetzen. Das klassische Stillleben wird nicht naturalistisch kopiert, sondern ikonografisch rekonstruiert – zwischen Zeichnung, Spraytechnik, serieller Wiederholung und konzeptueller Selbstreferenzialität.
Zentral bleibt dabei die Zeichnung. Seit dem Ende des Studiums fertigt Baumgärtel auf nahezu allen Reisen Früchteskizzen an – auf Mallorca, in Indien, Thailand, der Karibik oder Indonesien. Diese Beobachtungen sind keine beiläufigen Notate, sondern bilden das fundamentale Wahrnehmungs- und Formreservoir für die späteren Gemälde. Die Farbigkeit speist sich aus realer Erfahrung und autobiografischer Erinnerung: Zitronen und Mandarinen aus Mallorca, Kürbisse und Fleischtomaten aus dem Garten der Eltern, tropische Früchte aus Südostasien. Die Polychromie ist somit nicht dekorativ, sondern orts- und lebensbezogen.
Im kunsthistorischen Kontext positionieren sich die Früchtebilder an einer Schnittstelle von klassischer Stilllebenmalerei, Pop Art, Urban Art und konzeptueller Strategie. Die Leuchtkraft und Motivikonografie verweisen auf popkulturelle Bildwelten, die Spraytechnik auf den urbanen Raum, die serielle Struktur auf konzeptuelle Verfahren, während Komposition, Lichtführung und Körperlichkeit in der Tradition malerischer Auseinandersetzung stehen. Der vielfarbige Bananenpointillismus wird so zu einem eigenständigen, identitätsstiftenden Zyklus innerhalb des Gesamtwerks: Aus dem einst politischen Signet entwickelt sich ein universelles malerisches Strukturprinzip, das Wahrnehmung, Erinnerung, Fülle und Vergänglichkeit in eine unverwechselbare Bildsprache überführt. Die Werkgruppe zeigt Baumgärtel als Maler, der das historische Genre nicht negiert, sondern mit zeitgenössischen Mitteln radikal neu codiert.
„Der schönste Moment der Frucht ist festgehalten, danach vergeht ihre Schönheit, wenn sie nicht gepflückt und vom Künstler skizziert wird. Die Farben seiner Früchte sind die der Zitronen und Mandarinen aus Mallorca oder der Kürbisse und Fleischtomaten aus dem Garten seiner Eltern, allesamt in voller praller Reife. Bei weiteren Reisen nach Indien, Thailand, in die Karibik und nach Indonesien ist er weiter auf der Suche nach fruchtbaren Bildmotiven. Auf Bali entstehen Früchtezeichnungen und Baumgärtel lässt vor Ort die dazu passenden Bilderrahmen aus Kokosholz anfertigen.“
Dr. Michael Euler-Schmidt im Katalog „Früchtebilder“, 2001
Die Werkgruppe Früchtebilder wird an diesem Kunstort ausgestellt sein